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Ruhr Universität Bochum
Reaktion auf ernüchternde PISA-Ergebnisse: Ein Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum stellt das 5.000 Jahre alte Grundkonzept von Unterricht infrage und fordert atmende Lehrpläne statt starrer Fächerkanons.
Die am 8. September 2026 vorgelegte PISA-Studie der OECD liefert ernüchternde Gewissheit: Deutsche Schülerinnen und Schüler schneiden im weltweiten Vergleich von rund 90 Staaten in den Kernbereichen Lesekompetenz, Mathematik, Naturwissenschaften und computergestütztes Problemlösen erneut allenfalls durchschnittlich ab. Passgenau zu dieser Veröffentlichung sorgt ein Buch aus der Bochumer Wissenschaftslandschaft für Aufsehen. Mit dem Werk „Das PISAster. Warum wir ein 5.000 Jahre altes Schuldesign auf den Prüfstand stellen müssen – statt unsere Kinder“ haben Prof. Dr. Stefan Winter und Deborah Maffia vom Lehrstuhl für Human Resource Management der Ruhr-Universität Bochum die aktuelle Debatte pointiert vorweggenommen.
Die Forschenden vergleichen die derzeitige Unterrichtspraxis mit dem Versuch, einem unmusikalischen Kind das gleichzeitige Musizieren auf zehn verschiedenen Instrumenten beizubringen, obwohl es auf keinem einzigen einen sauberen Ton treffe. Die starre Standardisierung über Deutsch, Mathematik, Geschichte, Geografie, Religion oder Sport überfordere leistungsschwächere Schüler systematisch. Die gravierende Folge: Jährlich verlassen bundesweit über 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, viele von ihnen ohne tragfähige Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen.
Ein Konzept aus Mesopotamien auf dem Prüfstand des 21. Jahrhunderts
Winter und Maffia verweisen darauf, dass das Grundmuster des heutigen Unterrichts – Lehrkräfte vermitteln Wissen im Klassenverband bei identischen Fächern für alle – bereits vor rund 5.000 Jahren in Mesopotamien begründet wurde. Im 21. Jahrhundert stelle dieser Ansatz grundlegende Fragen auf: Warum gehört Erdkunde zum Standard und nicht Psychologie? Und warum müssen Kinder am Geschichtsunterricht teilnehmen, wenn sie die Unterrichtssprache noch gar nicht sicher beherrschen?
Nach Ansicht der RUB-Wissenschaftler greifen Diskussionen über kleinere Klassen oder modifizierte Lehramtsstudiengänge längst zu kurz. Gefordert sei eine grundlegende Abkehr vom bisherigen Prinzip: Nicht länger müssten Kinder nachweisen, dass sie in ein starres System passen, sondern das Schulsystem müsse endlich seine Eignung für alle Schülerinnen und Schüler unter Beweis stellen.
Atmende Curricula als Lösung gegen das Scheitern
Als Ausweg schlagen die Forschenden eine tiefgreifende Reform vor, bei der Kinder nur so viele Schulfächer belegen, wie sie tatsächlich erfolgreich meistern können. Während leistungsstarke Schüler ihr breites Programm beibehalten, konzentrieren sich schwächere Jugendliche gezielt auf elementare Basiskompetenzen. Je nach individuellem Lernfortschritt lässt sich das Fächerspektrum flexibel anpassen: Wer aufholt, erweitert seinen Stundenplan, wer strauchelt, reduziert ihn vorübergehend wieder. Mit solchen atmenden Curricula lasse sich das institutionelle Versagen an deutschen Schulen wirksam abschaffen.
