
Der Plenarsaal des Landtags NRW
(c) Landtag NRW / Bernd Schälte
Eine großflächige Studie der Ruhr-Universität Bochum und der Leuphana Universität Lüneburg deckt erhebliche Wahrnehmungslücken bei politischen Entscheidungsträgern auf. Fast jeder zweite Bürger würde Geld für den Klimaschutz geben – die Politik glaubt, es sei nicht einmal jeder fünfte.
In der Debatte um die Energiewende und den ökologischen Wandel wird von politischer Seite oft das Argument angeführt, man dürfe die Wählerschaft mit Verboten und Kosten nicht überfordern. Eine im Juni 2026 im renommierten Fachjournal Communications Earth & Environment veröffentlichte Untersuchung zeigt nun jedoch: Die deutsche Bevölkerung ist in Sachen Klimaschutz deutlich progressiver und opferbereiter, als Abgeordnete und Ratsmitglieder quer durch die Republik annehmen.
„Politiker unterschätzen die Zustimmung der Bevölkerung zu Klimaschutzmaßnahmen systematisch – und zwar besonders stark bei den Maßnahmen, die nach wissenschaftlichem Kenntnisstand am wirksamsten sind“, fasst Studienleiter Prof. Dr. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) die zentralen Ergebnisse zusammen. Gemeinsam mit Privatdozent Dr. Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg hat er eine der weltweit bislang umfangreichsten Studien zu diesem Thema realisiert.
Dafür kontaktierten die Forschungsteams im Herbst 2024 über 6.000 aktive Politikerinnen und Politiker auf allen Ebenen – vom Gemeinderat über Stadträte und Kreistage bis hin zu den Landtagen und dem Bundestag. Exakt 1.599 Volksvertreter aller großen Parteien nahmen teil. Deren Einschätzungen wurden im Anschluss mit zwei repräsentativen Bevölkerungsstichproben abgeglichen, die die echten Einstellungen von mehr als 2.000 Bürgerinnen und Bürgern abbilden.
Die harten Zahlen: Fehlprognose bei der Finanzbereitschaft
Die gravierendste Wahrnehmungslücke offenbarten die Politiker bei der Frage, ob die Menschen bereit wären, persönliche finanzielle Einschnitte für den Klimaschutz hinzunehmen.
Die Befragten aus den Parlamenten schätzten, dass lediglich magere 18 Prozent der Deutschen bereit wären, monatlich ein Prozent des eigenen Einkommens zweckgebunden für den wirksamen Klimaschutz abzutreten. Die Realität sieht völlig anders aus: In den repräsentativen Bevölkerungsbefragungen signalisierten stolze 48 Prozent – und damit fast jeder zweite Deutsche – eine konkrete Bereitschaft zu diesem finanziellen Solidaritätsbeitrag.
| Abfrage zur Bereitschaft (1% Einkommen für Klimaschutz) | Prozentualer Anteil |
| Einschätzung der Politiker | 18 % |
| Tatsächliche Bereitschaft der Bürger | 48 % |
Auch bei der Akzeptanz von verbindlichen Klimagesetzen und ordnungspolitischen Regulierungen verschätzten sich die Politiker kolossal. Die Zustimmung zu harten gesetzlichen Vorgaben wurde im Schnitt um mehr als ein Viertel der gesamten Antwortskala nach unten korrigiert. Während weiche Maßnahmen wie Informationskampagnen von der Politik richtig eingeschätzt oder leicht überschätzt wurden, herrscht bei den wirksamsten Instrumenten – Gesetzen und Abgaben – der größte Pessimismus.
Ein parteiübergreifendes Phänomen mit Folgen für die Gesetzgebung
Dass die Bevölkerung die allgemeine Unterstützung für gesellschaftliche Themen unterschätzt, ist in der Psychologie als „pluralistische Ignoranz“ bekannt. Das Überraschende der RUB-Studie ist jedoch, dass die Fehleinschätzung der Politiker noch einmal drastisch gravierender ausfällt als die der Bürger untereinander.
Zudem handelt es sich um ein bemerkenswert breites, parteiübergreifendes Muster. Zwar tendierten Mandatsträger aus dem linken politischen Spektrum dazu, den Rückhalt für ambitionierte Umweltpolitik etwas realistischer einzuschätzen als ihre Kollegen aus konservativen oder rechten Fraktionen; die fundamentale Unterschätzung der Kooperationsbereitschaft der Bürger zog sich jedoch als rote Linie durch praktisch alle politischen Lager.
Diese Verzerrung hat handfeste Konsequenzen für die Realpolitik. Da Politiker ihr Abstimmungsverhalten und ihre Initiativen stark daran ausrichten, was sie für die mehrheitliche Meinung ihrer Wählerschaft halten, führt das falsche Stimmungsbild zu vorauseilender Vorsicht. „Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, ambitionierte Klimapolitik sei politisch riskanter, als sie tatsächlich ist“, warnt Dr. Timur Sevincer. Eine bessere, datengestützte Aufklärung über die tatsächliche Dynamik in der Bevölkerung könnte daher der Schlüssel sein, um politische Blockaden zu lösen. Die größte Hürde für den Klimaschutz ist demnach oft nicht der fehlende Wille der Bürger, sondern der Irrglaube der Politik, dieser Wille existiere nicht.
