
Konzert des Musikkorps der Bundeswehr zum Veteranentag im Annelise Brost Musikforum Ruhr
(c) Sebastian Sendlak
Das Musikkorps der Bundeswehr bringt mit der Uraufführung des Werks „Feuer | Stille“ die harten Realitäten von Auslandseinsätzen auf die Bühne. Im Bochumer Anneliese Brost Musikforum Ruhr erlebt das Publikum einen ergreifenden Abend mit ungeschminkten Wahrheiten über die Bundeswehreinsätze.
Im Anneliese Brost Musikforum Ruhr fand das Benefizkonzert des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Veteranentag 2026 mit dem Musikkorps der Bundeswehr unter der Leitung von Oberstleutnant Timor Oliver Chadik statt. Anlass des Konzerts ist der Veteranentag, der vom Deutschen Bundestag beschlossen und im letzten Jahr erstmalig bundesweit begangen wurde.
Im Mittelpunkt stand die Uraufführung von Alexander Reubers Werk „Feuer | Stille“, das die Erfahrungen von Hauptmann a. D. Hagen Vockerodt musikalisch aufgreift. Die Verbindung von sinfonischer Klangsprache, Originalstimmen und persönlicher Erinnerung machte den Abend nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit Einsatz, Verantwortung und Trauma, sondern auch zu einem eindrucksvollen musikalischen Erlebnis. Auch die weiteren Beiträge des Musikkorps der Bundeswehr unter der Leitung von Oberstleutnant Timor Oliver Chadik und der Sängerin Susan Albers prägten die besondere Atmosphäre des Konzerts.
Dirk Backen, der Generalsekretär des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, berichtet als Veteran von unter anderem dem Kalten Krieg über die Last der Verantwortung. Das neue Musikstück von Alexander Reuber basiert auf Vockerodts Buch „1638 Tage im Krieg“, welches die Tiefen und Abgründe dieser Einsätze ohne Schnörkel beschreibt.
Gedenken an die Opfer im Ausland
Das Konzert beginnt mit der deutschen Nationalhymne, bei der ehemalige Soldaten mit Trommel und deutscher Flagge einmarschieren. Auch Bochums Oberbürgermeister Jörg Lukat würdigt in seiner Ansprache zu Beginn des Konzerts die Arbeit der beiden Stiftungen sowie den Anlass: „Ich glaube, das ist der Grund, warum Sie hier sind, warum wir hier sind. Damit wollen wir dann letztendlich auch den Veteranentag noch mal ganz besonders in den Fokus nehmen, und auch das, was dahintersteckt.“
Dirk Backen schildert in seiner Ansprache eine traumatische Nacht auf dem Flugfeld im afghanischen Masar-e Scharif, in der er den Leichnam eines gefallenen Kameraden empfängt. Die Verantwortung für die Befehle und das damit verbundene Risiko lassen einen Menschen laut Backen nie wieder los. Am nächsten Morgen sieht er beim zerstörten Panzerwrack, wie der Instandsetzungszugführer noch im Innenraum arbeitet. „Da ist noch sein Fuß, mein Oberst, den holen wir raus. Wir wollen doch, dass der Junge ganz nach Hause kommt“, zitiert Backen den Soldaten.
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Erlös des Konzerts für den guten Zweck
Jahrzehnte nach den Erlebnissen auf dem Balkan und in Afghanistan kämpfen viele Rückkehrer mit den unsichtbaren Wunden des Krieges. Zu gleichen Teilen geht der Reinerlös des Konzerts an:
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Die Soldaten- und Veteranenstiftung des Deutschen Bundeswehrverbandes
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Den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Der Volksbund hat die staatliche Aufgabe, im Auftrag der Bundesregierung deutsche Kriegstote im Ausland zu suchen, zu bergen, würdig zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen. Über die Bedeutung des Dienstes zitiert Generalsekretär Backen den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan: „Viele Menschen fragen sich, ob sie in ihrem Leben einen Unterschied gemacht haben. Ein Veteran kennt dieses Problem nicht“, betont Backen am Rednerpult.
Hagen Vockerodt spricht über sein Trauma
Bei dem extra für diesen Tag komponierten Werk spricht der Veteran Hauptmann a.D. Hagen Vockerodt, ehemaliger Combat Medic und Sanitätsoffizier der Bundeswehr, über seine Erlebnisse im Kosovo und die dadurch entstandene psychische Erkrankung. Er berichtet von der extremen Belastung und den Gefechtssituationen, die eine große Belastungsstörung hinterlassen haben.
Vockerodt selbst war fast drei Jahrzehnte im Dienst und hat mehr als vier Jahre an Orten gewirkt, an denen Tod, Verwundung und Verantwortung an der Tagesordnung waren. Er war im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina, Afghanistan und in Gebieten, die humanitäre Hilfe benötigt hatten, wie bei der Tsunami-Katastrophe in Banda Aceh 2004. „Ich vermisse tatsächlich den Dienst manchmal, das ist so“, gesteht Hagen Vockerodt offen in dem eingebauten Videostatement.
Er schaut trotz aller Schmerzen mit Stolz auf seine 27 Dienstjahre für das Vaterland zurück. Nach schweren Flashbacks im Alltag, unter anderem beim Schwimmbadbesuch mit seiner Tochter, begibt er sich in eine Traumatherapie. Mit seinem selbstentwickelten System aus Fokus, Anstrengungsbereitschaft und Routine kämpft er sich zurück in ein geregeltes Familienleben. Das musikalische Experiment erfordert sowohl vom Orchester als auch vom Betroffenen ein enormes Maß an Offenheit. Komponist Alexander Reuber, der selbst Trompeter im Musikkorps ist, integriert die Originalpassagen direkt in das Werk.
Einzigartige Gänsehautmomente in Bochum
„Die Musik illustriert keine Emotionen. Sie erzeugt Zustände“, erklärt der Komponist Alexander Reuber die Intention hinter seiner Arbeit. Neben den orchestralen Klanglandschaften bereichert die Sängerin Susan Albers, die bei drei Songs auf der Bühne ist, den Abend mit emotionalen Interpretationen. Sie singt unter anderem Bowies „Heroes“ und „Moment in Time“ zum Schluss.
Am Ende wird zudem „Freiheit“ von Westernhagen gespielt. Das Publikum im Anneliese Brost Musikforum Ruhr zeigt sich tief bewegt von dieser Darbietung. So endet der Abend, an dem die Stimmung des Anlasses entsprechend ist: nachdenklich und mit vielen Gesprächen.
