Beitrag: Versteckte Gärten am Springorum Radweg in Bochum entdecken
G.A.R.T.E.N. – Hamide Sauer und Daniel Heinz

(c) Sebastian Sendlak

Ein Kunstprojekt am Springorum-Weg zeigt das Erbe von Zuwanderern im Revier. Rote Lampions führen zu einer Schau über Gemeinschaft, Gartenkultur und Erinnerung.

Wer über den Bochumer Springorum-Weg spaziert oder joggt, folgt zwischen dichtem Grün und Gleisrelikten plötzlich leuchtend roten Lampions. Die Markierungen leiten die Besucher gezielt über einen Fußweg zu einem Torbogen und weiter durch wild gewachsene Abschnitte direkt in ein verborgenes Areal. Dort öffnet sich ein Schauplatz, der den Übergang von schwerer Industrie zu lebendiger Natur greifbar macht. Unmittelbar neben dem Werk Eikhoff rückt die Open-Air-Präsentation eine Facette der Stadtgeschichte in den Blick, die oft unbemerkt blieb. Die Ausstellung trägt den Projektnamen G.A.R.T.E.N. und beleuchtet das gewachsene Grün als Ort des Ankommens.

Ausstellung G.A.R.T.E.N. beleuchtet Geschichte der Zuwanderer in Bochum

Hinter dem Namen verbirgt sich ein bewusst gewähltes Akronym für Gegenwart, Aneignung, Räume, Teilhabe, Erinnerung und Neuordnung. Entstanden ist die Schau aus dem Impuls, eine Leerstelle in den Vorbereitungen auf die Internationale Gartenausstellung zu thematisieren, die im Jahr 1927 ins Ruhrgebiet kommt. „Und das Ruhrgebiet hat einfach eine wahnsinnig spannende Geschichte, was Gärten von GastarbeiterInnen angeht, und halt irgendwie die ganze Migrationsgeschichte von GastarbeiterInnen“, erklärt Kuratorin Hamide Sauer den Hintergrund. Zahlreiche Menschen kamen damals aus der Landwirtschaft ins Revier, um hier zu arbeiten, und brachten ihre Verbundenheit zum Anbau mit. Auf ungenutztem Brachland schufen sie sich mit eigener Hand grüne Rückzugsorte und Gemeinschaftsflächen.

Für Sauer hat das Vorhaben zudem einen engen Bezug zur eigenen Biografie. Ihre Mutter kam im Alter von sechs Jahren aus der Türkei nach Kastobrauxel, wo die Familie ebenfalls solche Parzellen im Brachland bewirtschaftete. „Ich habe vor allen Dingen wahnsinnig viele Erinnerungen aus der Kindheit daran, wie das war mit meiner Oma“, schildert Sauer ihre persönlichen Berührungspunkte mit dieser Tradition. Aus diesen Wurzeln speist sich der Ansatz, das Thema sichtbar zu machen. Neben Fotografien und Installationen gibt es vor Ort einen kleinen Kräutergarten sowie Audioaufnahmen mit Hühnergackern zu entdecken.

Fotografin Brigitte Kraemer dokumentiert Gartenleben im Ruhrgebiet

Die künstlerischen Beiträge wurden über eine offene Ausschreibung zusammengetragen, um vielfältige Perspektiven im Areal zu vereinen. „Die waren vor allen Dingen, also mussten sie in Bezug zur Migration zu Gärten und zum Ruhrgebiet haben“, betont Sauer zu den Auswahlkriterien. Zu sehen sind neben Klangkunst, Stoffplastiken und Textarbeiten vor allem Arbeiten von Brigitte Kraemer, die das Leben in Migrantengärten vor 25 Jahren festhalten. Kraemer hält damit Erinnerungen an eine Zeit fest, in der Vorurteile der Nachbarschaft das Miteinander prägten. „So war das früher. Die Menschen haben Vorurteile gehabt, wie ‚Die sind laut‘, ‚Wenn die grillen, stinkt es nur‘, oder ‚Da sind immer so viele Menschen im Garten‘. Das ist nicht so gewesen“, erinnert sich Kraemer an die Anfänge.

Am Ende geht es dem Team vor allem darum, Passanten zum Betreten dieses scheinbar verwunschenen Ortes einzuladen. Wer am Radweg unterwegs ist, kann nun hinter das Dickicht blicken, aus dem sonst nur Geräusche dringen. „Mein persönliches Highlight, ich glaube vor allen Dingen der Samstag, der einfach ein superschöner Tag war, wo vor allen Dingen das Thema Gemeinschaft sehr, sehr klar wurde“, resümiert Sauer die bisherige Resonanz. So wird das Gelände am Rand der ehemaligen Trasse zu einem lebendigen Treffpunkt für Nachbarn und Interessierte. Die Schau beweist eindrücklich, wie eng Gartengeschichte und Stadtidentität im Revier miteinander verwoben sind.

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