
Jolina Ernst bei der Leichtathletik DM in Wattenscheid
(c) Sebastian Sendlak
Ein historisches Leichtathletik-Wochenende im sanierten Lohrheidestadion in Bochum-Wattenscheid lässt Fans und Fachwelt staunen: Erst stürmt U23-Lokalmatadorin Jolina Ernst zu einer unfassbaren Gold-Sensation über 100 Meter, ehe Franziska Schuster am Samstagabend über die Hürden den Meisterschaftsrekord egalisiert und die europäische Spitze aufmischt.
Die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 2026 verwandeln das Lohrheidestadion in eine Hexenkessel-Kulisse für absolute Höchstleistungen. Bei strahlendem Sonnenschein und vor einer beeindruckenden Kulisse von 14.000 Zuschauern vermeldete der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ein ausverkauftes Stadion. Die fantastische Kulisse trug die Athletinnen und Athleten regelrecht zu Spitzenzeiten. Dass ausgerechnet der heimische TV Wattenscheid 01 am ersten Tag Historisches schreiben würde und am zweiten Abend ein historischer Hürden-Krimi folgte, sorgte für ein rundum perfektes Sportfest im Ruhrgebiet.
Der Rekord-Lauf: Franziska Schuster egalisiert Marke von Pamela Dutkiewicz
Schon vor dem Startschuss zum 100-Meter-Hürden-Finale der Frauen lag eine besondere Anspannung in der Luft des Lohrheidestadions. Die Jahrgänge 2002 bis 2004 hatten in dieser Saison bereits mehrfach angedeutet, dass mit ihnen auf internationalem Niveau zu rechnen ist – vier DLV-Athletinnen waren in den vergangenen Monaten bereits unter der magischen 13-Sekunden-Marke geblieben. Was jedoch am Samstagabend folgte, übertraf selbst die kühnsten Träume der Beteiligten.
Franziska Schuster (TSV Bayer 04 Leverkusen), als nationale Nummer drei nach Wattenscheid gereist, erwischte einen Traumstart. Nach soliden 12,92 Sekunden im Halbfinale explodierte die 24-Jährige im Endlauf regelrecht: In phänomenalen 12,69 Sekunden stürzte sie über die Ziellinie! Damit pulverisierte sie nicht nur ihre persönliche Bestleistung, sondern egalisierte auf den Punkt genau den Meisterschaftsrekord von Pamela Dutkiewicz aus dem Jahr 2018. Seit der Ära der früheren EM-Zweiten war keine deutsche Hürdensprinterin mehr so schnell gewesen.
„Ich zittere immer noch! Über eine 12,80er-Zeit hätte ich mich gefreut. Aber das hätte ich nicht für möglich gehalten!“, stammelte eine überwältigte Franziska Schuster in der Mixed Zone.
Mit dieser Fabelzeit stellt Schuster den direkten Anschluss an die europäische Weltklasse her. Dass das Niveau in der Breite derzeit enorm hoch ist, bewiesen die Zeiten hinter ihr: Gleich fünf Athletinnen blieben im Finale unter 13 Sekunden. Die bisherige Jahresbeste Rosina Schneider (TV Sulz) sicherte sich in 12,81 Sekunden Silber, während die 21-jährige Lia Flotow (1. LAV Rostock; 12,83 sec) mit Bronze erstmals die Norm für die Europameisterschaften in Birmingham (10. bis 16. August) knckte. Auf den Plätzen vier und fünf komplettierten Titelverteidigerin Ricarda Lobe (MTG Mannheim; 12,86 sec) und Marlene Meier (TSV Bayer 04 Leverkusen; 12,95 sec) ein historisches Rennen.
Tag 1: Das Wattenscheider Sommermärchen durch Jolina Ernst
Bereits am Eröffnungstag hatte das Stadion Kopf gestanden, als die U23-Sprinterin Jolina Ernst für eine der größten Überraschungen der jüngeren DM-Geschichte sorgte. Über die flachen 100 Meter ging die Athletin des heimischen TV Wattenscheid 01 eher als Außenseiterin ins Rennen, nachdem sie sich erst auf den letzten Drücker für den Endlauf qualifiziert hatte.
Doch angetrieben vom heimischen Publikum wuchs Ernst über sich hinaus. In neuen persönlichen Bestzeit von 11,26 Sekunden überquerte sie millimetergenau die Ziellinie. In einem dramatischen Fotofinish trennten sie winzige drei Tausendstel Sekunden von der favorisierten Weltklasse-Sprinterin Gina Lückenkemper, die überraschend Bronze mitnehmen musste. Silber ging an Emma Goretzka, während die Jahresbeste Rebekka Haase unglücklich auf Rang vier landete.
„Es ist unfassbar, unglaublich, ich kann das noch gar nicht glauben“, sprudelte es direkt nach dem Heimsieg aus der frischgebackenen Deutschen Meisterin heraus.
Starke Kulisse trotz dezentraler Wettbewerbe
Obwohl im Rahmen des Multi-Sport-Events „Die Finals“ einzelne Wettbewerbe wie der Stabhochsprung nach Hannover verlegt wurden und verhältnismäßig wenige etablierte Leichtathletik-Promis nach Bochum reisten, tat dies der Begeisterung keinen Abbruch. Das frisch sanierte Lohrheidestadion erwies sich als meisterschaftswürdige Sportstätte. Insbesondere für die heimischen NRW-Teams bedeutete die Kulisse einen spürbaren Rückenwind. Mit Blick auf die anstehenden Europameisterschaften in Birmingham haben die deutschen Hürden- und Flachsprint-Damen ein unmissverständliches Signal an die internationale Konkurrenz gesendet.
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