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Eine neue wissenschaftliche Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum deckt massive bürokratische Belastungen in sozialen Einrichtungen auf. Mehr als 80 Prozent der Projekte müssen erhebliche Kräfte für Verwaltung opfern, die in der Arbeit mit Menschen fehlen.
Die Bürokratie in sozialen Projekten und Einrichtungen im Bochumer Stadtgebiet hat ein kritisches Ausmaß erreicht. Zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt eine aktuelle Erhebung der Ruhr-Universität Bochum (RUB), die unter der Leitung von Prof. Dr. Jörg Bogumil durchgeführt und von der Brost-Stiftung gefördert wurde. Die wissenschaftliche Untersuchung basiert auf einer umfassenden Befragung von Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, die durch öffentliche Mittel finanziert werden. Die Ergebnisse untermauern schwarz auf weiß, dass das aktuelle Verwaltungssystem die praktische soziale Arbeit vor Ort massiv ausbremst und blockiert.
Chronische Unterfinanzierung trifft auf immensen Verwaltungsaufwand
Die erhobenen Daten der RUB-Studie zeichnen ein alarmierendes Bild des sozialen Sektors in Bochum:
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Defizitäre Finanzierung: In zwei Dritteln aller Bochumer Projekte ($66,6\,\%$) decken die Gelder der Kostenträger die tatsächlich entstehenden Kosten nicht vollständig ab.
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Ressourcen-Verschwendung: Gleichzeitig sind $82,4\,\%$ aller Einrichtungen gezwungen, erhebliche personelle Ressourcen für rein bürokratische Anforderungen wie Anträge, Dokumentationen und Abrechnungen aufzuwenden.
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Planungsunsicherheit: Strukturelle Probleme – wie etwa Projektlaufzeiten, die nicht mit den offiziellen Bewilligungszeiträumen übereinstimmen – erschweren eine verlässliche Haushaltsplanung. Zudem werden notwendige Overhead- und Verwaltungskosten von den Fördergebern häufig nicht ausreichend finanziert.
Interessante Unterschiede offenbaren sich beim Blick auf die jeweiligen Geldgeber: Während kommunale Mittel und Landesmittel zwar ebenfalls als bürokratisch, aber oft als flexibler und lösungsorientierter wahrgenommen werden, gelten Bundesprogramme sowie die Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) als besonders restriktiv, starr und aufwendig. Auf lokaler Ebene sieht die Studie noch konkreten Verbesserungsbedarf in den Abläufen mit dem Sozial- und Jugendamt, dem Jobcenter sowie der Arbeitsagentur, wenngleich die Stadt Bochum insgesamt als verlässlicher Partner geschätzt wird.
„Die Bürokratie frisst wertvolle Zeit und Ressourcen“
Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AG Wohlfahrt) Bochum nimmt die Studienergebnisse zum Anlass, um lautstark Reformen einzufordern.
„Die Ergebnisse der Studie bestätigen das, was unsere Einrichtungen seit Jahren berichten: Die Bürokratie frisst wertvolle Zeit und Ressourcen, die eigentlich den Menschen zugutekommen sollten. Wenn mehr als 80 Prozent der Projekte einen erheblichen Teil ihrer Kräfte in Verwaltungsaufgaben stecken müssen, läuft etwas grundlegend falsch. Wir brauchen dringend mehr Vertrauen, mehr Pauschalierung und praktikable Lösungen, damit soziale Arbeit wieder im Mittelpunkt stehen kann“, fordert Marc Schaaf, Sprecher der AG Wohlfahrt Bochum.
Fünf konkrete Kernforderungen an die Politik
Um die gemeinnützigen Träger nachhaltig zu entlasten, unterstützt die AG Wohlfahrt die konkreten Handlungsempfehlungen der Bochumer Wissenschaftler und fordert von Bund, Land und Kommune eine zeitnahe Umsetzung:
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Belegvorhaltepflicht statt Originalbelege: Die verpflichtende Einreichung von Originalbelegen muss zugunsten digitaler Prozesse abgeschafft werden, um den Prüfaufwand zu minimieren.
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Einführung von Pauschalen: Aufwändige Einzelabrechnungen müssen durch pauschalierte Abrechnungsverfahren ersetzt werden, um wertvolle Personalressourcen zu schonen.
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Abbau von Doppelprüfungen: Die verschiedenen Fördermittelgeber müssen sich besser untereinander abstimmen, um mehrfache Kontrollen desselben Sachverhalts zu verhindern.
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Mehr Pragmatismus: In der täglichen Förderpraxis und Verwaltung müssen flexible Auslegungsspielräume und pragmatische Lösungen politisch gewollt und gelebt werden.
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Stärkere institutionelle Förderung: Um dauerhafte Planungssicherheit zu garantieren und anfallende Overheadkosten verlässlich abzudecken, muss die Projektförderung zugunsten struktureller Absicherungen zurückgefahren werden.
Die Wohlfahrtsverbände betonen ihre Bereitschaft, die Politik bei einer gemeinsamen Potenzialanalyse konstruktiv zu begleiten, um bürokratische Hürden konsequent und dauerhaft abzubauen.
Hintergrund: Eine starke Stimme für über 11.000 Helfer
Die AG Wohlfahrt Bochum ist der strategische Zusammenschluss der großen Wohlfahrtsverbände vor Ort. Ihr gehören die AWO (Unterbezirk Ruhr-Mitte), der Caritasverband Ruhr-Mitte, der DRK-Kreisverband Bochum, Der Paritätische (Kreisgruppe Bochum), die Diakonie Ruhr sowie die Jüdische Gemeinde für Bochum, Herne und Hattingen an. Das Bündnis repräsentiert eine gewaltige gesellschaftliche Kraft in der Region: Es verleiht rund 8.780 hauptamtlich Mitarbeitenden in den unterschiedlichsten sozialen Arbeitsfeldern eine gemeinsame Stimme und wird zusätzlich von circa 2.840 ehrenamtlich Helfenden getragen.
