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Historische Spurensuche in der NS-Zeit: Eine kostenlose Führung des Stadtarchivs beleuchtet das dunkle Kapitel der Oberen Stahlindustrie.
Das Stadtarchiv – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger am Sonntag, 21. Juni, um 14 Uhr zu einer zeithistorischen Exkursion ein. Unter dem Titel „Zwangsarbeit beim Bochumer Verein – Der Gedenkort Obere Stahlindustrie“ widmet sich die kostenfreie Veranstaltung einem der bedrückendsten Kapitel der lokalen Industriegeschichte. Als zentraler Treffpunkt für den Rundgang wurde die Straße Obere Stahlindustrie, genauer gesagt die Zufahrt „Anlieferung Technischer Betrieb Stadt Bochum“, vereinbart. Die historische Führung findet als offizieller Teil des Begleitprogramms zur aktuellen Ausstellung „Licht und Schatten: Fotografien des Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation 1860–1945“ statt. Sie bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, Orte des Gedenkens kennenzulernen, die im Alltag für die Öffentlichkeit sonst nicht ohne Weiteres zugänglich sind.
KZ-Außenstelle an der ehemaligen Brüllstraße
Der Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation zählte während des Zweiten Weltkriegs zu den wichtigsten Rüstungsbetrieben des NS-Regimes und profitierte in erheblichem Maße vom systematischen Einsatz von Zwangsarbeitern. Tausende verschleppte Männer und Frauen aus ganz Europa wurden im Werk eingesetzt, um die kriegswichtige Produktion von Waffen und Munition unter extremem Druck aufrechtzuerhalten. An der ehemaligen Brüllstraße – dem heutigen Straßenareal Obere Stahlindustrie – befand sich zu diesem Zweck eine offizielle Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. Die dort unter völlig menschenunwürdigen und grausamen Bedingungen eingepferchten KZ-Häftlinge wurden täglich in die nahegelegene Geschossfabrik des Bochumer Vereins getrieben und dort zur rücksichtslosen Arbeit gezwungen.
Um das Bewusstsein für diese Verbrechen im Stadtbild dauerhaft zu verankern, wurden in den vergangenen Jahren wichtige Zeichen der Erinnerungskultur gesetzt. Seit dem Jahr 2018 erinnert eine markante Stolperschwelle am Kreisverkehr der Kohlenstraße an die Opfer des Nationalsozialismus. Nur ein Jahr später, 2019, entstand direkt auf dem Gelände des Technischen Betriebs der Stadt Bochum an der Oberen Stahlindustrie ein künstlerisch gestalteter Erinnerungsort des Bochumer Künstlers Marcus Kiel. Da sich dieses Mahnmal auf einem gesicherten städtischen Betriebsgelände befindet, ist es im Alltag für Passanten gesperrt. Im Rahmen der angekündigten Exkursion des Stadtarchivs besteht für die Teilnehmenden jedoch die exklusive Gelegenheit, diesen Lernort persönlich zu besichtigen.
Experten berichten über das System der Rüstungsindustrie
Die inhaltliche Gestaltung und Führung der Exkursion liegt in den Händen zweier ausgewiesener Experten der regionalen Geschichtsforschung. Ole-Björn Gläsker, Student an der Ruhr-Universität Bochum und aktives Mitglied des aktuellen Ausstellungsteams, wird gemeinsam mit Dr. Kai Rawe, dem Leiter des Stadtarchivs, durch den Nachmittag führen. Die beiden Historiker berichten detailliert über die Strukturen der Zwangsarbeit beim Bochumer Verein sowie über die konkrete Geschichte des KZ-Außenlagers vor Ort. Darüber hinaus geben sie den Teilnehmenden einen fundierten Überblick über weitere bestehende Gedenk- und Erinnerungsorte im gesamten Bochumer Stadtgebiet, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Gewaltherrschaft im Revier befassen.
„Der Bochumer Verein hat während des Zweiten Weltkriegs erheblich vom System der Zwangsarbeit profitiert, um die kriegswichtige Produktion aufrechtzuerhalten.“ — Historischer Hintergrund der Exkursion
Für die Teilnahme an der geschichtlichen Spurensuche ist keine vorherige Anmeldung erforderlich, und das Angebot richtet sich ausdrücklich an alle geschichtsinteressierten Generationen der Stadtgesellschaft. Die Veranstalter empfehlen festes Schuhwerk für den Rundgang auf dem Industriegelände. Mit dieser Exkursion leistet das Zentrum für Stadtgeschichte einen weiteren wichtigen Beitrag zur Erforschung und transparenten Vermittlung der lokalen Erinnerungskultur. Sie regt dazu an, die heutigen modernen Wirtschafts- und Verwaltungsflächen der Stadt mit einem geschärften, kritischen Blick auf die historischen Ereignisse der Vergangenheit wahrzunehmen.
