Beitrag: Kultur ist kein Luxus
Kulturforum

(c) SPD Bochum

Bochums freie Szene warnt vor dem Kipppunkt

Welche Rolle spielt Kultur für die Demokratie, und wie lässt sich die vielfältige Bochumer Kulturlandschaft angesichts knapper Kassen und politischer Angriffe erhalten? Darüber diskutierten am Mittwoch, 21. Oktober 2026, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Kulturszene beim Kulturforum der SPD Bochum im Centre for City Futures / Blue Square vor rund 50 Gästen. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Kultur bewegt: Von der Haltung zur Handlung gegen Rechts“.

SPD-Chef Serdar Yüksel betonte zur Eröffnung die Bedeutung kultureller Angebote für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kultur könne Menschen zusammenbringen, die sich sonst möglicherweise nie begegnen würden. „Kultur allein kann unsere Demokratie nicht retten. Aber ohne eine lebendige, freie und vielfältige Kultur wird unsere Demokratie ärmer, schwächer und verletzlicher“, erklärte Yüksel.

Der SPD-Landtagsabgeordnete und kulturpolitische Sprecher Andreas Bialas kritisierte die Kulturfinanzierung des Landes. Er sprach sich für eine verlässlichere, mehrjährige Förderung aus, die auch steigende Personal- und Betriebskosten berücksichtigt. Gerade die Kommunen benötigten eine bessere finanzielle Ausstattung, um ihre kulturelle Infrastruktur erhalten zu können.

Freie Kulturszene sieht sich existenziell bedroht

Wie angespannt die Situation bereits ist, schilderte Seta Guetsoyan, Geschäftsführerin des Bochumer Figurentheater-Kollegs. Viele Einrichtungen der freien Kulturszene seien inzwischen existenziell gefährdet. „Wir sind tatsächlich an einem Kipppunkt angelangt“, warnte sie.

Am Beispiel ihrer eigenen Einrichtung erläuterte Guetsoyan die Schwierigkeiten. Neben steigenden Personal- und Betriebskosten belasteten zunehmend komplexe gesetzliche und bürokratische Anforderungen die kleinen Einrichtungen. Seit 2019 habe das Figurentheater-Kolleg seine Teilnahmegebühren schrittweise um insgesamt 100 Prozent erhöhen müssen, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

Dabei erinnerte sie auch an die bereits 2019 gestartete Bochumer 10-Prozent-Kampagne. Mit ihr fordert die freie Szene eine Erhöhung des Kulturetats und einen Anteil von zehn Prozent für ihre Arbeit, ohne anderen Einrichtungen Mittel wegzunehmen. Wesentliche politische Fortschritte seien seitdem ausgeblieben, kritisierte Guetsoyan.

 Neues Kulturportal trotz Haushaltsproblemen

Matthias Frense, Leiter des Bochumer Kulturbüros, berichtete über die aktuellen Herausforderungen durch das Haushaltssicherungskonzept der Stadt. Zwar müssten auch die Kultureinrichtungen ihren Beitrag leisten, dabei müsse aber berücksichtigt werden, welche Einrichtungen überhaupt noch finanzielle Spielräume hätten.

Gleichzeitig konnte Frense Fortschritte beim Bochumer Kulturentwicklungsprozess vermelden. So habe der Verwaltungsvorstand am 22. September grünes Licht für ein neues digitales Kulturportal gegeben. Künftig sollen dort kulturelle Einrichtungen, Künstlerinnen und Künstler sowie Veranstaltungen zentral präsentiert werden. Auch kleinere Angebote in den Stadtteilen sollen dadurch sichtbarer werden.

Frense warb außerdem dafür, trotz der finanziellen Schwierigkeiten am geplanten Haus des Wissens festzuhalten. Dort solle mitten in der Innenstadt ein öffentlicher Begegnungsort ohne Konsumzwang entstehen.

„Hasso statt Hamlet“ und die Erinnerungskultur

Die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Ratsfraktion, Sonja Gräf, berichtete über den Umgang mit der AfD im Bochumer Kulturausschuss. Als Beispiel für deren kulturpolitische Vorstellungen nannte sie den Vorschlag, die Hundesteuer abzuschaffen und die dadurch entstehenden Einnahmeausfälle beim Schauspielhaus einzusparen. Gräf brachte dies mit der Formulierung „Hasso statt Hamlet“ auf den Punkt.

Sie verwies aber auch auf konkrete Projekte zur Stärkung der Erinnerungskultur. Dazu zählen die mittlerweile 400 Bochumer Stolpersteine und die neue Gedenkstätte im ehemaligen Zwangsarbeiterlager an der Bergener Straße, die am 31. Oktober eröffnet werden soll.

Dass rechte Angriffe auf kulturelle Einrichtungen weitreichende Folgen haben können, verdeutlichte Karsten Koch, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Er schilderte die bundesweite Kontroverse um einen zeitweise geschützten Raum für Menschen mit Rassismuserfahrungen bei der Ausstellung „Das ist kolonial“ auf der Zeche Zollern in Dortmund. Eine von AfD-Politikern angestoßene Videokampagne habe erheblichen öffentlichen Druck ausgelöst und auch Beschäftigte des Museums getroffen.

Kultur muss raus aus der eigenen Blase

In der von Hans Hanke, Sprecher des SPD-Kulturforums, moderierten Diskussion ging es schließlich darum, wie kulturelle Einrichtungen Menschen erreichen können, die bislang wenig Kontakt zu ihren Angeboten haben.

Uta Hoffmann vom Bochumer Künstlerbund berichtete über die Erfahrungen mit dem Kunstbunker und die Bedeutung persönlicher Begegnungen. Auch Radio-Bochum-Redakteurin Anuschka Fritzsche sprach sich dafür aus, Kulturangebote verstärkt in die Stadtteile zu bringen und dort neue Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen.

Am Ende stand die gemeinsame Forderung nach mehr Zusammenarbeit, verlässlicher Finanzierung und einer stärkeren Öffnung kultureller Angebote. Denn die Diskussion machte auch deutlich: Kultur kann einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Damit sie das weiterhin kann, müssen die notwendigen Strukturen erhalten bleiben.

Autor: Jens Matheuszik

Auf Social Media teilen