
Führung des USB über die Deponie in Kornharpen
(c) Sebastian Sendlak
Ein Blick hinter die Kulissen der Bochumer Großdeponie: Der USB erklärt den aufwendigen Prozess der Oberflächenabdichtung, die Verwertung von Deponiegas und warum die Neandertaler das beste Zeugnis für sauberen Boden liefern.
Einige Bochumer Bürgerinnen und Bürger nutzten an diesem Dienstagnachmittag die Gelegenheit, eine ganz besondere Großbaustelle in ihrer Nachbarschaft zu besichtigen. Die Umweltservice Bochum GmbH (USB) öffnete die sonst streng abgesperrten Tore der Zentraldeponie Kornharpen für eine exklusive Begehung. Nach einer fachkundigen und durchaus humorvollen Einführung durch das USB-Team ging es hinauf auf den „Berg“. Neben tiefen Einblicken in die komplexen technischen Maßnahmen zur Abdichtung des Geländes belohnte die Exkursion die Teilnehmenden mit einem fantastischen Ausblick: Bei hoher Luftfeuchtigkeit, aber trockenem Wetter reichte die Sicht über den Bochumer Osten bis weit in die Höhenzüge des Sauerlandes.
Warum der „pupsende“ Müllberg erst jetzt abgedichtet werden kann
Die Zentraldeponie Kornharpen ist ein Riese im Stadtgebiet: Sie erstreckt sich über eine stolze Fläche von 40 Hektar (400.000 Quadratmeter) und wird im Osten direkt durch die Bundesautobahn A43 sowie im Norden und Süden durch zwei vielbefahrene Gleistrassen der Deutschen Bahn begrenzt. Von 1978 bis 2005 wurde sie als klassische Hausmüll- und Gewerbeabfalldeponie betrieben, bis 2009 wurden ausschließlich mineralische Abfälle wie Bauschutt angenommen, bevor die offizielle Stilllegung erfolgte.
Dass der aufwendige Prozess der endgültigen Oberflächenabdichtung erst jetzt – im Jahr 2026 – läuft, hat einen rein biologischen Grund, wie Projektleiter Thomas Kaba den Bürgern anschaulich erklärte:
„Der Abfallkörper arbeitet auch Jahrzehnte später noch. Mikroben und Bakterien zersetzen den organischen Hausmüll. Dabei produzieren sie Gas – sie ‚pupsen‘ also, genau wie bei der menschlichen Verdauung. Dadurch verliert der Müll massiv an Volumen und sackt unregelmäßig zusammen.“ — Thomas Kaba, Projektleiter USB
Hätte man sofort nach der Schließung 2009 eine starre Abdichtung aufgebracht, wäre diese durch die enormen Setzungsprozesse nach wenigen Jahren komplett zerrissen. Über elf Jahre lang überwachte der USB das Gelände daher zentimetergenau mittels lasergestützter Vermessung und Satellitentechnik. Erst als Anfang der 2020er Jahre die Setzungen weitgehend abgeklungen waren, gab die Bezirksregierung Arnsberg grünes Licht für das finale Abdichtungssystem.
Das Schicht-System: Wie High-Tech-Folien tonnenweise Naturton ersetzen
Die Abdichtung einer solchen Riesendeponie ist eine logistische Herkulesaufgabe und erfolgt aus bautechnischen Gründen in sieben verschiedenen Bauabschnitten. Während die Bauabschnitte 1 und 2 im Norden und Osten bereits fertiggestellt oder begrünt sind, befindet sich der Bauabschnitt 3 aktuell mitten in der Abdichtungsphase. Die USB-Mitarbeiter bereiten parallel in Eigenleistung mit schweren Gerätschaften den vierten Abschnitt durch eine sogenannte „Vorprofilierung“ (im Handwerksjargon: das „Beispachteln“ von Mulden) vor.
Das moderne Abdichtungssystem, das die Bürger im Baufeld aus nächster Nähe betrachten konnten, ist ein technologisches Wunderwerk und schont knappe Ressourcen:
| Schicht (von unten nach oben) | Material / Komponente | Funktion / Wirkung |
| 1. Ausgleichsschicht | Belastete mineralische Abfälle (Boden, Bauschutt, Aschen) | Vorprofilierung und Massenausgleich der Mulden; muss strengen chemischen Kontrollen (DK1) standhalten. |
| 2. Bentonitmatte | Geotextil, gefüllt mit quellfähigem US- oder deutschem Tongranulat | Reagiert mit dem Kondenswasser der Deponie und quillt auf. Ersetzt bei der Dicke eines Daumens eine 0,5 Meter dicke, klassische Tonschicht. |
| 3. Kunststoffdichtungsbahn | Zentimeterdicke, extrem robuste und steife Spezialfolie | Schützt die darunterliegende Bentonitbahn vor mechanischen Beschädigungen und stoppt unkontrollierten Wassereintritt. |
| 4. Geotextil-Drainage | Kunststoff-Drain-Element | Leitet das aufgefangene Oberflächen- und Regenwasser kontrolliert zu den Rändern ab. |
| 5. Rekultivierungsschicht | Absolut sauberer, unbelasteter Lösslehm (z.B. von regionalen Großbaustellen) | Bindiger Boden, der Wasser wie ein Schwamm speichert, die Vegetation versorgt und Überschüsse an die Atmosphäre verdunstet. |
Kaba betonte augenzwinkernd die Reinheit des genutzten Lösslehms für die oberste Schicht: „Das ist Boden, von dem nachweislich zuletzt die Neandertaler gegessen haben. Der ist absolut sauber und unbelastet.“ Der Boden stammt von der Baustelle des neuen Polizei-Präsidiums am Harpener Hellweg.
Striktes Rauchverbot und saubere Energie für 300 Haushalte
Ein absolutes Highlight der Führung war die Erklärung des ausgeklügelten Gassystems. Auf der gesamten Deponie herrscht aus Sicherheitsgründen ein striktes Rauchverbot, da der Berg kontinuierlich hochentzündliches Methangas produziert. Über 56 im Berg verteilte Gasbrunnen saugt eine Verdichterstation das Gas permanent ab, um einen künstlichen Unterdruck zu erzeugen. So wird verhindert, dass das klimaschädliche Treibhausgas diffus über die noch offenen Flächen in die Atmosphäre entweicht.
Das abgesaugte Gas wird direkt ökologisch sinnvoll verwertet: Die Stadtwerke Bochum betreiben auf dem Gelände ein hochmodernes Blockheizkraftwerk (BHKW). Mit dem hiesigen Deponiegas werden aktuell rund 300 Bochumer Haushalte verlässlich mit grünem Strom und Fernwärme versorgt. Da durch die fortschreitende Abdichtung jedoch kein neues Regenwasser mehr in den Müllkörper sickert, trocknen die Mikroben langfristig aus. Die Experten schätzen, dass in etwa 10 bis 15 Jahren die Gasproduktion so weit zurückgegangen ist, dass eine wirtschaftlich-thermische Nutzung endet.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Wie geht es weiter? Dauergrünland und 30 Jahre Nachsorge
Auf die Frage einer Bürgerin, ob der Berg nach der kompletten Fertigstellung jemals für Spaziergänger freigegeben wird – ähnlich wie der beliebte Bochumer Tippelsberg –, erteilte das USB-Team eine klare Absage. Während der Tippelsberg eine reine Bauschuttdeponie ohne organische Abfälle war (entstanden durch den Aushub des U-Bahn-Baus der U35), bleibt Kornharpen eine Altlast und damit ein sensibles technisches Bauwerk.
Auch große Bäume oder tiefe Gehölze wird man hier vergeblich suchen. Die tiefen Wurzeln könnten im Laufe der Jahre die empfindlichen Kunststoffbahnen durchdringen und die Dichtung zerstören. Stattdessen wird die Deponie Kornharpen nach der Versiegelung des letzten Bauabschnitts (Abschnitt 7 im Bereich der Hauptzufahrt) zu einem geschützten Dauergrünland. Hier entsteht eine riesige, artenreiche Blühwiese, die als wertvoller Rückzugsraum für Insekten dient. Um die Folien vor grabenden Nagetieren wie Kaninchen zu schützen, setzt der USB übrigens auf biologische Schädlingsbekämpfung: Eigens geförderte Greifvögel halten die Nagetier-Population auf dem Berg ganz natürlich im Zaum.
Nach dem offiziellen Ende der Bauarbeiten geht das Gelände in eine gesetzlich vorgeschriebene, 30-jährige Nachsorgephase über, in der das Setzungsverhalten, das Sickerwasser und die Gaswerte weiterhin permanent vom USB überwacht werden müssen.
