
„Catarina oder: Von der Schönheit Faschisten zu töten“: Rainer Bock, Carla Richardsen, Alexander Wertmann, Ole Lagerpusch
(c) Armin Smailovic/Schauspielhaus Bochum | All Rights Reserved
Die deutsche Erstaufführung von „Catarina oder: Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ hat im Schauspielhaus Bochum für einen Eklat gesorgt. Am Ende der Premiere kam es zu lautstarken Protesten, einem Bühnensturm und einem Wurf aus dem Zuschauerraum. Die Vorstellung konnte dennoch beendet werden.
Das Drama des portugiesischen Autors Tiago Rodrigues kreist um die Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia im Jahr 1954 während der Salazar-Diktatur. In der Fiktion des Stücks rächt eine Freundin die Tat. Seitdem trifft sich ihre Familie jährlich zu einem Ritual: Nach einem gemeinsamen Essen wird ein als Faschist identifizierter Mann erschossen.
Im Zentrum der Inszenierung steht ein Generationenkonflikt. Die jüngste Tochter verweigert die Teilnahme am Ritual. Sie stellt die moralische Legitimation von Gewalt infrage – auch dann, wenn sie sich gegen Feinde der Demokratie richtet. Die Inszenierung verdichtet die Debatte um Tyrannenmord, Widerstandsrecht und politische Verantwortung auf die familiäre Ebene.
Monolog löst Protest aus
Der Eklat ereignete sich in der Schlussphase. Nach angedeuteten Schüssen erscheint die Figur des Romeu, gespielt von Ole Lagerpusch, erneut auf der Bühne. In einem längeren Monolog wendet er sich direkt ans Publikum. Inhaltlich orientiert sich die Rede an bekannten Mustern rechtspopulistischer Argumentation. Sie arbeitet mit Begriffen wie Mehrheit, Ordnung und vermeintlicher Unterdrückung.
Bereits nach wenigen Minuten gab es Zwischenrufe und Pfiffe. Einzelne Besucher verließen den Saal. Zwei Männer betraten die Bühne und versuchten, den Schauspieler am Weitersprechen zu hindern. Ensemblemitglieder drängten sie zurück. Zudem wurde ein Gegenstand aus dem Zuschauerraum auf die Bühne geworfen. Der Monolog wurde zu Ende geführt.
Theater als Ort der Zumutung
Im Anschluss wandte sich die stellvertretende Intendantin an das Publikum. Sie stellte klar, dass es sich um eine künstlerische Darstellung handele. Angriffe auf Darstellende seien nicht hinnehmbar.
Provokation gehört zum Theater. Das Stück verhandelt bewusst Grenzfragen demokratischer Selbstbehauptung. Es spitzt Positionen zu und arbeitet mit Überzeichnung. Wer eine solche Inszenierung besucht, muss mit Irritation rechnen. Zwischen Figur und Darsteller ist zu unterscheiden.
Kritik, Widerspruch und auch demonstratives Verlassen des Saals sind legitime Reaktionen. Körperliche Eingriffe in eine laufende Aufführung überschreiten jedoch eine Grenze. Kunstfreiheit und körperliche Unversehrtheit der Beteiligten stehen nicht zur Disposition.
Gespaltene Reaktionen
Nach dem Zwischenfall erhielt das Ensemble Applaus. Zugleich blieb die Stimmung im Saal angespannt. Die Reaktionen auf die Inszenierung fielen unterschiedlich aus.
Das Stück wird in den kommenden Wochen weiter im Spielplan des Schauspielhauses gezeigt. Die Premiere hat gezeigt, wie aufgeladen die Debatte um politische Kunst derzeit geführt wird – und wie schmal der Grat zwischen Empörung und Eskalation sein kann. Eins hat das Stück auf jeden Fall bewirkt: Ein mehr als nur nationales Medienecho.
