Beitrag: Fachkräftemangel in Bochum: Wie Stadt, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen nach Lösungen suchen
Ausbildungsbilanz: Christopher Meier (Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Bochum). Stephanie Herrmann (GF Operativ der Agentur für Arbeit, Bochum), Stefan Marx (Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbunds Ruhr-Mark) , Sven Frohwein (Referent Kommunikation IHK mittleres Ruhrgebiet), Carsten Porsche (Source Warehouse Director Stelantis)

(c) Sebastian Sendlak

In Bochum diskutieren Unternehmen, Arbeitsagentur, Stadt, Arbeitgeberverbände, IHK und Gewerkschaften über die Zukunft der dualen Ausbildung und Wege aus der Fachkräftelücke.

Der Ausbildungsmarkt steht bundesweit unter Druck – auch Bochum bildet keine Ausnahme. Bei einem Treffen in der Opel Blue Warehousing GmbH kommen Wirtschaft, Verwaltung und Sozialpartner zusammen, um die Herausforderungen zu beleuchten und Lösungsansätze zu entwickeln. Während Bewerberzahlen sinken und wirtschaftliche Unsicherheiten zunehmen, sehen die Beteiligten die duale Ausbildung als Schlüssel zur Sicherung des Fachkräftebedarfs.

Ein Blick hinter die Kulissen eines Logistikstandorts im Wandel

Die Opel Blue Warehousing GmbH öffnet ihre Türen, um einen Einblick in den global agierenden Logistikstandort zu geben. Das Unternehmen ist einer von drei europäischen Distributionsstandorten des Stellantis-Konzerns und verschickt Ersatzteile von 14 Marken weltweit. Seit der Eröffnung im Jahr 2014 wächst der Standort kontinuierlich: von 300 auf über 1.000 Beschäftigte.

Geschäftsführer Carsten Porsche erklärt, warum Ausbildung dabei eine zentrale Rolle spielt. „Wir müssen Strukturen schaffen, in denen junge Menschen gut ankommen und ältere Mitarbeitende ihre Erfahrung weitergeben“, sagt er. Das Unternehmen setzt auf ein Ausbildungskonzept, das digitale Kompetenzen und praktische Erfahrung verbindet. Sieben Auszubildende und rund zwei Dutzend Teilnehmende in Teilqualifikationen werden derzeit jährlich aufgenommen.

Arbeitsagentur warnt: weniger Bewerber, mehr Handlungsdruck

Die Zahlen der Agentur für Arbeit Bochum zeichnen ein deutliches Bild. Weniger junge Menschen interessieren sich für eine Ausbildung, gleichzeitig schrumpft das Angebot. Christopher Meier, Leiter der Arbeitsagentur, berichtet von einem Rückgang der gemeldeten Ausbildungsstellen um acht Prozent. Vor allem der demografische Wandel bereitet Sorgen: „Ein Viertel der Erwerbstätigen geht in den nächsten zehn Jahren in Rente“, sagt Meier.

Er erklärt, dass nicht mehr nur die Jugendlichen, sondern auch die Betriebe in der Verantwortung stehen. Motivation, individuelle Unterstützung und alternative Zugänge seien entscheidend, um Jugendlichen nach einem gescheiterten Start dennoch Perspektiven zu eröffnen.

Stadt Bochum sieht Ausbildung als Teilhabe-Instrument

Auch die Stadt Bochum reagiert auf die Entwicklungen und baut ihre eigenen Ausbildungsaktivitäten aus. Oberbürgermeister Jörg Lukat verweist auf rund 500 Auszubildende in drei Jahrgängen. 122 junge Menschen hat die Stadt allein im vergangenen Jahr eingestellt. Laut Lukat bietet Ausbildung nicht nur berufliche Chancen, sondern fördert soziale Teilhabe: „Wir müssen jungen Menschen zeigen, dass Ausbildung ein sicherer und attraktiver Weg ist.“

Arbeitgeberverbände: Schule bereitet nicht ausreichend auf Berufswege vor

Die Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen kritisieren strukturelle Probleme in der schulischen Berufsorientierung. Hauptgeschäftsführer Lars Bergmann stellt fest, dass duale Ausbildung vor allem an Gymnasien kaum vorkommt. „Die Erwartungshaltung ist immer noch klar studienorientiert“, sagt er. Das Matching zwischen Jugendlichen und Betrieben funktioniere deshalb zunehmend schlechter.

Zudem stellten viele Unternehmen fest, dass schulische Grundfertigkeiten fehlen. Ohne frühe Berufsorientierung werde es schwierig, den steigenden Fachkräftebedarf zu decken.

IHK: Wirtschaftliche Unsicherheiten drücken auf Vertragszahlen

Die IHK Mittleres Ruhrgebiet meldet einen Rückgang der Ausbildungsverträge um 12,8 Prozent. Besonders betroffen sei der technisch-gewerbliche Bereich mit einem Minus von fast 34 Prozent. Pressesprecher Sven Frohwein sagt, dass Unsicherheiten über die wirtschaftliche Zukunft viele junge Menschen abschrecken. „Branchen, die öffentlich in der Kritik stehen, haben es besonders schwer.“

Gleichzeitig steigt die Zahl der Ausbildungsabbrüche. 212 Verträge wurden vorzeitig gelöst. Häufig passiere das noch vor dem eigentlichen Start. „Unternehmen müssen stärker auf Preboarding und Erwartungsmanagement setzen“, so Frohwein.

Gewerkschaften fordern realistische Berufsorientierung

Stefan Marx, Geschäftsführer des DGB Ruhr-Mark, sieht vor allem die Unterrichtspraxis kritisch. Praktika seien wertvoll, aber nur dann, wenn sie Jugendlichen echte Einblicke geben. „Viele Jugendliche lernen in Praktika nicht den Beruf kennen, sondern nur die Küche des Betriebs“, sagt Marx. Die Berufsorientierung brauche mehr Systematik – und die Betriebe müssten Jugendliche ernster nehmen.

Marx fordert, Ursachen für Ausbildungsabbrüche stärker zu analysieren und Unterstützungsangebote auszubauen.

Der Austausch in Bochum zeigt: Die duale Ausbildung bleibt ein zentrales Instrument gegen den Fachkräftemangel – doch sie steht unter Druck. Unternehmen, Schulen, Arbeitsagentur, Kommunen und Gewerkschaften erkennen den Handlungsbedarf. Der Wille zur Veränderung ist spürbar, aber schnelle Lösungen sind nicht in Sicht.

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