Beitrag: Stadtarchiv zeigt Akte des historischen Enthaltsamkeitsvereins von 1846
Das erste Versammlungsprotokoll mit Unterschriften der Gründungsmitglieder vom 30. September 1846

(c) Lutz Leitmann/Stadt Bochum

Das monatliche Format „Schaufenster Stadtgeschichte“ rückt im Oktober 2026 ein ungewöhnliches Dokument aus den Magazinen des Stadtarchivs – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte in den Fokus.

Präsentiert wird die historische Akte über den Enthaltsamkeitsverein für den Kreis Bochum aus den Jahren 1845 bis 1848. Das Originaldokument, das seinerzeit mutmaßlich direkt im Arbeitszimmer des damaligen Bürgermeisters Max Greve angelegt wurde, ist ab sofort im Stadtarchiv an der Wittener Straße 47 bei freiem Eintritt öffentlich zu sehen.

„Fürwahr, der Branntwein mag wohl ‚Wasser des Lebens‘ genannt werden; hieß doch auch der Baum mitten im Garten Eden der Baum des Lebens, aber der Genuß seiner Früchte brachte den Tod.“ Mit diesem biblisch anmutenden Pathos formulierten die Gründerväter 1846 ihr Anliegen. Die Initiative war Teil der sogenannten „temperance movement“, die aus dem angloamerikanischen Raum stammte und ab den 1840er-Jahren auch Mitteleuropa erfasste. Getragen von christlicher Motivation fanden die Mäßigungs- und Abstinenzbünde enormen Zulauf: Allein in Westfalen zählten die Vereine Ende 1846 rund 24.000 Mitglieder bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 1,4 Millionen Menschen.

Honoratioren im Kampf gegen hochprozentigen Naturallohn

In Bochum war der Verein streng hierarchisch organisiert: Dem „Centralverein für die Provinz Westphalen“ untergeordnet, fungierte der Kreisverein als Dach für jeweils einen katholischen und einen evangelischen Lokalverein. Wie das Bochumer Kreisblatt im Oktober 1846 dokumentierte, kamen zur Gründungsversammlung am 30. September 1846 genau 36 Männer zusammen – darunter sechs Pfarrer, vier Lehrer, drei Kaufleute, zwei Ärzte, zwölf Landwirte, sieben Beamte und zwei Handwerker.

Ihr Kampf galt primär dem billigen, hochprozentigen Branntwein. Dieser war seinerzeit in breiten Bevölkerungsschichten verbreitet und wurde von Arbeitgebern nicht selten sogar als Naturallohn an Arbeiter und Handwerker ausgegeben, was verheerende soziale und gesundheitliche Folgen nach sich zog.

Kartoffelbier als „stärkendes Surrogat“

Eine vollständige Abstinenz von Alkohol strebte der Bochumer Verein jedoch keineswegs an. Ziel war vielmehr der Umstieg auf schwächere, vermeintlich gesündere Alternativen. In den Akten findet sich dazu eine kuriose Begebenheit: Auf einer Vorstandssitzung im Dezember 1846 verkosteten die Vorstandsmitglieder ein „Bitterbier“ der Berliner Kartoffelbierbrauerei Dr. Keller. Das Urteil fiel wohlwollend aus: Es sei klar, hell, schäume stark und ähnele im reinen Geschmack dem bayerischen Bier. Die Hoffnung der Gründer: Dem Volk mit dem Kartoffelbier anstelle des „verderblichen Branntweins ein noch billigeres und in der That stärkendes Surrogat“ bieten zu können.

Ob das Berliner Kartoffelbier jemals in nennenswerten Mengen nach Bochum geliefert wurde und wie sich die Vereinsgeschichte nach den Revolutionsjahren ab 1848 entwickelte, bleibt bislang ein historisches Geheimnis – die vorhandenen Archivbestände geben hierzu keine weiteren Einblicke. Interessierte Bürgerinnen und Bürger finden vertiefende Informationen zum Ausstellungsstück und zu den Öffnungszeiten unter www.bochum.de/stadtarchiv.

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