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Ungewöhnlicher Fund im Stadtarchiv Bochum: Eine historische Schießkladde zeigt, wie städtische Geldboten in den 1950er- und 1960er-Jahren bewaffnet wurden.
Das „Schaufenster Stadtgeschichte“ rückt regelmäßig ein ausgewähltes Dokument oder Objekt aus den Beständen des Stadtarchivs – Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte in den Mittelpunkt. Ziel des Formats ist es, historische Ereignisse greifbar zu machen und Einblicke in das kulturelle Erbe der Stadt zu gewähren. Im September präsentiert die Einrichtung an der Wittener Straße 47 ein besonders explosives Zeugnis der städtischen Finanzverwaltung: eine historische Schießkladde der Stadtkasse. Das Dokument belegt eindrucksvoll, welche heute kaum mehr denkbaren Sicherheitsvorkehrungen einst für den kommunalen Geldverkehr getroffen werden mussten. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können das Ausstellungsstück bei freiem Eintritt vor Ort besichtigen.
Bargeldtransporte mit Waffenschein und Lohntüte
Während der Zahlungsverkehr für über 370.000 Einwohnerinnen und Einwohner heute digital und bargeldlos abgewickelt wird, waren in den 1950er- und 1960er-Jahren regelmäßige Botengänge erforderlich. Angestellte der Stadtverwaltung transportierten erhebliche Bargeldsummen von Banken zu Ämtern oder Dienststellen. Bemerkenswert war auch die Gehaltsauszahlung an die städtischen Mitarbeitenden: Das Geld wurde direkt im Tresorraum der Stadtkasse in Lohntüten abgepackt und hinter einer gesicherten Gittertür ausgegeben. Da Überweisungen noch unüblich oder technisch aufwendig waren, stellten diese regelmäßigen Wege ein hohes Sicherheitsrisiko dar.
Zum Schutz vor kriminellen Überfällen wurden die Boten der Stadtverwaltung offiziell mit Dienstwaffen ausgestattet. Für das Tragen der Waffe war ein persönlicher Waffenschein zwingend erforderlich, den die jeweilige Dienststelle beantragte und der Bochumer Polizeipräsident ausstellte. Um die Treffsicherheit und den verantwortungsvollen Umgang mit der Schusswaffe nachzuweisen, mussten die Kuriere regelmäßig an Schießtrainings teilnehmen. Jede absolvierte Übung wurde akribisch in der Schießkladde festgehalten. Erst mit der Verbreitung von Girokonten und moderner Banktechnik verschwand der bewaffnete Geldtransport nach und nach aus dem Stadtbild.
Einblicke in die Dienstakten von Geldbote Kasperowski
Die im Stadtarchiv ausgestellte Kladde stammt aus den Beständen der damaligen Stadtkasse, die heute als Amt für Finanzsteuerung firmiert. Neben den Schießergebnissen ist unter anderem der Waffenschein des städtischen Geldboten Friedrich-Wilhelm Kasperowski überliefert. Die Dokumente zeichnen ein lebendiges Bild des damaligen Arbeitsalltags und des immensen Aufwands hinter der kommunalen Finanzverwaltung. Das Stadtarchiv lädt dazu ein, diese Facette der Bochumer Nachkriegsgeschichte im Detail zu erkunden. Weitere Hintergrundberichte und Informationen zu den Öffnungszeiten stehen online auf dem Stadtportal zur Verfügung.
