Beitrag: The Dark Tenor bittet zum „Blind Date“ im RuhrCongress
Dark Tenor – “Symphonic Evolution“-Tour

Foto: Jenny Musall

Beethoven zur Begrüßung und Partystimmung im Publikum: Der Musiker Billy verwandelte den Bochumer RuhrCongress in eine energiegeladene Arena, in der Mozart auf die Backstreet Boys traf.

Der Abend beginnt nicht auf der Bühne, sondern mitten im Geschehen: Billy Andrews, besser bekannt als Dark Tenor,  startet seine Show der Symphonic Evolution direkt im Publikum, zu den Klängen von „River Flows on the Edge“. Schnell wird klar, dass dieser Abend kein gewöhnliches Konzert ist, sondern eine interaktive Zeitreise durch die Musikgeschichte. „Wer ist heute zum ersten Mal hier?“, fragt der Musiker in die Runde. Als sich mehr als die Hälfte der Zuschauer meldet, schmunzelt er: „Dann ist das hier so etwas wie ein Blind Date.“ Es ist ein Date, das von der ersten Minute an durch eine charmante Mischung aus historischem Wissen, Humor und modernen Elementen besticht.

Rockstars des Mittelalters und musikalische Mashups

Andrews kombiniert geschickt die Werke seiner Lieblingskünstler der Klassik mit eigenen Texten und modernen Hits. So wird aus Mozarts Melodien plötzlich die Frage  „Are you a Dancer?“ aus dem Song „Hit to the Body“, während der Zuschauer ganz nebenbei pikante Details über das Leben der damaligen „Rockstars“ erfährt – etwa über Mozarts ausgeprägte Spielsucht. Musikalisch fließen dabei Elemente von Mando Diaos „Dance with Somebody“ so organisch ein, dass die Grenzen zwischen den Jahrhunderten verschwimmen. Das Publikum im RuhrCongress zeigt sich textsicher und sichtlich amüsiert, besonders als Andrews scherzhaft nachfragt, wer denn eigentlich zum Kommen gezwungen wurde.

In einem Block, der sich der Frage „Was ist eigentlich Klassik?“ widmet, fordert der ehemalige Chorsänger die Menge auf, so laut wie unter der Dusche mitzusingen. „Aber bitte zieht euch nicht aus. Das ist uns in Berlin passiert – das will keiner sehen“, witzelt er. Die musikalische Antwort auf die Klassik-Frage ist ein gewagter wie genialer Mix: Britney Spears’ „Baby One More Time“ verschmilzt mit dem Tears-for-Fears-Klassiker „Shout“, gefolgt von der hymnischen „Bitter Sweet Symphony“ von The Verve. Ein erster Höhepunkt zeigt sich, als er seine aktuelle Single präsentiert – ein Cover von Robbie Williams’ „Angels“, das er normalerweise im Duett mit Patricia Kelly singt.

Selbstliebe, Partyhöschen und Standing Ovations

Ein zentraler Moment der Show ist der Song „Isn’t it Love“, in dem Billy dazu aufruft, sich selbst zu lieben und in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen. Die treibende Melodie lädt zum Klatschen und Tanzen ein, wobei während der gesamten Show ein einziger Wink des Musikers genügt, um das Publikum zu mobilisieren. Bei der Single „Here We Go“ gibt es dann kein Halten mehr: „Es ist Zeit, die Partyhöschen anzuziehen. Steht mal alle auf. Die Stühle, die ihr mit der Karte erworben habt, sind Teilzeitstühle“, fordert er die Bochumer auf. Das Publikum leistet Folge, und nach einer emotionalen Darbietung von „You Raise Me Up“ von Johnny Logan folgen Standing Ovations, bevor es mit einem Geburtstagsständchen für Bassist Ilja in die Pause geht.

Der zweite Teil der Show steht im Zeichen moderner Soundtracks. Von „Star Wars“ über „Pirates of the Caribbean“ bis hin zu „Ghostbusters“ interpretiert Billy bekannte Filmthemen völlig neu. „Party Time Bochum!“, ruft er in den Saal, während Mozarts 40. Sinfonie auf die Backstreet Boys trifft. Auch die „Königin der Nacht“ aus der Zauberflöte findet ihren Platz in der Show, untermalt von tausenden erhobenen Händen und dem Text „The Hunger Lyrics“. Andrews zeigt sich sichtlich dankbar für den Zuspruch: Seit September haben bereits 103.000 Menschen diese „Symphonic Evolution“-Show gesehen.

Ein „Ex“ auf Bochum und der finale Götterfunken

Zwischendurch beweist Billy Bodenhaftung und Humor, als er sich spielerisch darüber beschwert, dass Zuschauer kurzzeitig den Saal verlassen – prompt wird ihm ein Bier aus dem Publikum gereicht, das er unter dem Jubel der Fans „wegext“. Den krönenden Abschluss bildet ein gewaltiger Chor aus tausenden Stimmen. Zu Depeche Modes „Enjoy the Silence“ („All I ever wanted“) schlägt er die Brücke zu Beethovens „Freude schöner Götterfunken“. Das Publikum übernimmt den Gesang fast vollständig und entlässt den Musiker nach einem rasanten Ritt durch die Musikstile mit donnerndem Applaus in die Bochumer Nacht.

Die Tournee beweist, dass Klassik alles andere als staubig sein muss, wenn man sie mit der Attitüde des Rock ’n’ Roll kombiniert. Billy gelingt es, die „Teilzeitstühle“ im RuhrCongress überflüssig zu machen und eine Brücke zwischen den Epochen zu schlagen, die sowohl Kenner der Philharmonie als auch Pop-Fans begeistert. Mit der Mischung aus Tiefgang bei Songs über Selbstliebe und der puren Lust an der Party hat er in Bochum ein Blind Date abgeliefert, das definitiv nach einem zweiten Treffen verlangt.

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